Die Suche nach dem Filmlook

Steffen

Steffen

Editor, Moderator, Administrator, 5252 Beiträge seit Okt'01
VFX Supervisor, Director
Unexpected GmbH   Stuttgart
Artikel von Steffen am 08.10.2002
 ...
Keines
"Filmlook" ist eines der Wörter, das nicht nur andauernd in Internet-Foren und in den Köpfen vieler Videofilmer herumgeistert.

Es scheint der heilige Gral zu sein, die ultimative Lösung des Einzelkämpfers mit der DV-Kamera, der Hollywood problemlos den Krieg erklären kann, wenn er nur gelernt hat, ihn für seine Produktionen als Waffe einzusetzen - diesen Filmlook.

Was der schwammige Begriff denn nun ist, inwieweit das Erreichen Sinn macht und auf welche Arten man ihn denn wenigstens annähernd erreichen kann, wollen wir mit unserer Artikelreihe vermitteln und zum eigenen Experimentieren anregen. Wer schon lange hier bei uns und im Slashcam-Forum mitliest oder einfach nur ein sehr erfahrender Videofilmer ist, wird auf einiges Grundlagenwissen oder "uninteressante" Links stoßen, aber wir fangen von vorne an, damit jeder mitkommt, und deswegen erst einmal etwas Theorie.

Würde ein japanischer Filmemacher bei unseren Foren mitlesen, wäre uns ein mitleidiges Grinsen und durch jeden Mausklick hervorgerufenes Kopfschütteln gewiss - die extrem weichen Bewegungen, harte Bildkanten sowie "crispy" scharfe und hochauflösende Bilder sind in der japanischen Kultur nämlich viel angesehener und beliebter als die unserer Meinung nach atmosphärischeren 35mm-Filmbilder, nach denen wir uns auf dem heimischen Schnitt-PC sehnen.
Der Begriff Filmlook, mit dem wir ja ansehnliche und erstrebenswerte Bilder verbinden, ist also nicht überall gleich definiert oder akzeptiert. Wir sind mit dem Kino, dem traumartigen Look von Film aufgewachsen, haben diese Bilder kulturell und gesellschaftlich akzeptiert, verbinden mit "Film" höhere Budgets, "großes" Hollywood-Kino, Stars, Gefühle, Emotionen und schlichtweg diesen unglaubliche Ästhetik auf der großen Leinwand, wenn echter 35mm-Film durch den Projektor rast und Bilder hervorzaubert (da es hier um (DV)-Video und nicht um HDTV geht, verweise ich für Querdenker auf Daniels Artikel über "Digital Cinema").

Zumindest die letzten Punkte machen Film zu Film und degradieren Video auf den ersten Blick auf einen hinteren Platz


Film, bzw. das chemische Material, aus dem er besteht, besitzt eine um ein Vielfaches (Ein einzelnes 35mm-Filmbild Film mit ISO 100 bei 3200K besitzt etwa 2700 vertikale Linien – die jedoch auch wieder dem Bildstand fast jedes Filmprojektors und schlecht justierte Projektionsoptiken zum Opfer fällt!) höhere Auflösung als Video - eine Tatsache, die das gebeamte Videobild auf Kinoleinwand einfach nur matschig erscheinen lässt.
Außerdem bewältigt dieses Material bedeutend höhere Kontraste (zwischen 250 bis 1000 1), d.h. dunkle Bildstellen saufen nicht gleich ins schwarze ab und die helleren überstrahlen nicht gleich weiß wie der Himmel, der bei Videoaufnahmen oftmals gleich grell hellblau oder knallweiß ist. Sogar die Highend-HD-Kameras bieten nur einen Kontrastumfang von ca. 1001 .

Film ist "weich", an harten Kanten stoßen keine hellen und dunklen Farbflächen zusammen, wie dies bei durch CCDs ausgelesenen Bildern immer wieder passiert. Film arbeitet vergleichsweise formuliert "analog" und kann damit "unendlich" weiche Farbübergänge darstellen (Anmerkung Wenn digital erzeugte Szenen auf Film ausbelichtet werden, wird dies auch meist mit 12Bit linear/ 10Bit logarithmisch pro Farbkanal Farbe gemacht statt der üblichen 8 bit pro Kanal).

Digitale Kamerabilder werden über die CCDs aufgenommen und "landen dann" in einer festen zweidimensionalen und mosaikartigen Anordnung von Pixeln. Film dagegen hat den charakteristischen "Grain", die Struktur des Materials, feine unregelmäßige Punkte (mikroskopisch kleine Silberhalogenid-Kristalle beim nicht entwickelten Film), die in der Emulsionsschicht dreidimensional verteilt sind. Wenn Filmmaterial belichtet wird, reagiert er logarithmisch auf das Licht und formt ein dauerhaftes aus kleinen Silberatomen in der Filmschicht bestehendes Bild. Dieser Look & Feel von Film wird auf nicht-chemischer Basis auch oft als "Grain" bezeichnet, das im Endbild zwar normalerweise nicht überdeutlich sichtbar ist, aber "gefühlt" werden kann, und seine Form und Lage über die Einzelbilder hinweg ständig verändert.
Da das menschliche Auge auch logarithmisch auf Licht reagiert, kommt das resultierende auf Film aufgenommene Bild der menschlichen Wahrnehmung deutlich näher.

Grain ist auch ein schönes Beispiel zur Sinnhaftigkeit/Unsinnhaftigkeit von Filmlook
Oft wird durch hinzufügen von Grain zu digitalem Material ein analoges Bild zu imitieren versucht - trotzdem bleibt es ein digitales Bild mit Pixelstruktur!

Daneben gibt es noch mehr weniger offensichtliche Film-Merkmale. Zum Beispiel der meist perfekte Weißabgleich, der auf eine Videokamera schließen lässt. Film kann sich nicht "weißabgleichen" wie eine Videokamera, das eingelegte Material ist nur für eine Lichttemperatur gedacht (z.B. 3200K, Studiolicht, d.h. Sonnenlicht erscheint sehr blau) - im Übrigen sind helle Lichter auf Film dadurch nur selten richtig weiß.

Auch die Art und Weise bzw. die Technik, wie ein Filmbild aufgezeichnet wird, unterscheidet sich in wichtigen Faktoren von gängigen DV/Video-Kameras. Objektive von 35mm Filmkameras werfen ein anderes Bild auf das Filmmaterial als Objektive in MiniDV Camcordern. Sicher finden sich auch sehr gute Optiken unter den Videokameras, aber eines unterscheidet die beiden dennoch Eine 35mm Optik projiziert ein größeres Abbild – das hat dadurch ganz andere optische Eigenschaften als ein kleines Mini-DV Bild.

Vergleicht man die Größe des vom Objektiv auf den Film bzw. auf das CCD projizierten Bildes, so entspricht 16mm Film ziemlich genau 2/3" Video. Das Standard 35mm Format, also Seitenverhältnis 43, würde einem fiktiven 4/3" (also 1.33") CCD entsprechen. Bei Consumer-DV-Kameras reicht die Spanne etwa von 1/6" bei Minicameras bis zu 1/3" CCDs bei anspruchsvollen Modellen. Verglichen mit den Film-Formaten ergibt hier eine wesentlich kürzere Brennweite den gleichen Bildausschnitt. Kürzere Brennweite bedeutet aber größere Tiefenschärfe. Zusätzlich ist beim wesentlich geringer aufgelösten und üblicherweise auf einem Fernsehgerät betrachteten Video eine stärkere Unschärfe erforderlich als beim Kinofilm, um vom Betrachter überhaupt als Unschärfe wahrgenommen zu werden.

Warum das ausgerechnet gut sein soll, geringe Tiefenschärfe? Weil genau das ein Hauptgestaltungsmerkmal professioneller Kameramänner ist und dem menschlichen Sehen in der Konzentration auf einige wesentlich Elemente sehr nahe kommt. Und wiederum, weil wir es inzwischen so gewohnt sind (Gestalterische Ausnahmen bestätigen die Regel).

Beim Film wird gestalterisch geleuchtet – eine Kunst die bei der ungleich einfacher zu verwendenden Videotechnik völlig in Vergessenheit geraten ist – dabei ist es die Lichtsetzung, die letztlich ein Bild ausmacht! (photographieren = "mit Licht zeichnen"!) Analog dazu könnten wir jetzt noch die bei Film oft bessere Ausstattung nennen, die oft bewusstere Kadrierung und Bildgestaltung und und und – Film verlangt durch den höheren Aufwand des Mediums fast automatisch auch eine höhere Qualität aller beteiligten Abteilungen.

Dass Filmlook nun nicht einfach nur ein Look ist, der auf ein Videobild gerendert wird, dürfte jetzt klar geworden sein. Aber das ist gar keine Katastrophe, denn man kann als Video-"filmer" viel vom analogen Film lernen.
Das wichtigste aber ist, dass es nicht den „Filmlook“ gibt – jeder gute Film hat idealerweise seinen ganz eigenen Look, seinen charakteristischen visuelle Eindruck, der ihn so eigen macht.
Also geht es letztlich doch nicht darum, „Filmlook“ zu imitieren, sondern „Look“ zu erzeugen – einen ganz speziellen, (auch bei optischem Film) immer anderen visuellen Gesamteindruck zu mit allen kreativen Mitteln zu gestalten!


"Nette Vorüberlegungen", wird sich manch einer denken, "aber ich will verdammt noch mal endlich drehen! Nur wie denn nun?"

Lassen wir die Philosophie ("DV ist ein eigenes Medium und kann Filmlook niemals imitieren oder gar erreichen" etc.) einfach mal Philosophie sein und gehen in die Vollen. In den nächsten Kapiteln werden wir Euch alle uns bekannten Tricks und Kniffe, Expertenmeinungen, eigene Erfahrungen, technische Tatsachen, Ideen und Links vorstellen, um einen Film mit dem ganz besonderen, eigenen Look zu gestalten – und so viel wie möglich von den "Grossen" beim Film zu lernen.

Antworten

supi

na was soll ich sagen ausser
endgeile einführung in das ganze thema )

#
08.10.02
16:52
Ulrik [flatCOIN]
Ulrik [flatCOIN]

RE supi

Bin schon gespannt auf den nächsten Teil)

Checkt ma den DV Musikvideo Thread, da hab ich ganz unten einen Link zu einem DV Video (XL1?) gepostet, das den Namen "Filmlook" alle Ehre macht!

#
08.10.02
16:59
Dennis
Dennis

RE supi

so .. muss was umändern

einleitung = # 1 - 3

habe wieder viel spass gehabt beim lesen und natürlich sehr viele nützliche infos gesammelt, wobei es mir schon vor dem nächsten dreh graust, da ich unwissenheit nun nicht mehr für den fehlenden film-look verantwortlich machen kann )

Ulrik

#
08.10.02
17:45
Ulrik [flatCOIN]
Ulrik [flatCOIN]

RE supi

Das werd ich mir doch glatt ausdrucken und über mein Bett hängen!

Vielen Dank Steffen!

#
08.10.02
19:00
idTV nico
idTV nico

2. RE supi

Ich rahms' mir auch ein! ;-)

Steffen hat seinen Beruf verfehlt. Er sollte Journalist oder Autor werden! *g*

Malte

#
09.10.02
04:28
Gast
Gast (nicht überprüft)

3. RE supi

Doch, ein echt klasse Artikel, der einen um einiges weiterbringt. Trotzdem vermiss ich ein bissel was über total manuelle Farbkorrektur und was ich sowieso nie geblickt habe, ist der 23 Pulldown in FilmFX (was is das?). Vielleicht kann mir da ja jemand weiterhelfen.
Ansonsten hab ich teilweise ziemlich geröhrt vor dem Bildschirm ("Verfolgungsjagd mit Plastikpistolen um Papas Kanzlei") - ja, echt, genauso hab ich bis vor einiger Zeit auch Filme gemacht! ;-)
Oh Mann, Hackermovies ist mehr und mehr auf dem Weg, zur Institution zu werden!

Phil

#
09.10.02
05:01
Phille
Phille

4. RE supi

Der Artikel hat 10 Kapitel und wird Deine Farbkorrektur-Wünsche schon noch befriedigen! Ich kann nur nicht alles in einer Nacht hochladen!! Daniel schreibt noch an ein paar Stellen, ich such noch Bilder und Beispiele für manche Sätze und sell dauert halt ..

Und danke daß Dir meine Witze gefallen, für die ich ansonsten immer nur Dresche kriege ... ;-)

Gruß,
Steffen

P.S. 32-Pulldown ist nur für NTSC-User interessant. Erklärung gibt´s hier
http://www.zerocut.com/tech/pulldown.htm l

#
09.10.02
05:11
Gast
Gast (nicht überprüft)

5. RE supi

lechz, sabber, ... nächster Artikel! NÄCHSTER ARTIKEL!!!

hehe, in knapp 2000 Jahren wird's ne neue Relegion geben und das wird ihre Bibel sein ... am 2. Tag schuf Gott die Kamera, am 3. die Farbkorrektur, ...

;-) snuckle

#
09.10.02
06:15
snuckle
snuckle

6. RE supi

Am vierten das Licht! ;-)

Malte

#
10.10.02
03:36
Gast
Gast (nicht überprüft)

5. RE supi

10 Artikel? Ach so! Abartig geil!

#
11.10.02
15:36
Phille
Phille
 
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